DEWALDO

13. Farbengewitter

So schön es auch ist, dass meine Arbeit geschätzt wird und es zu mitunter sehr großen Auftragsarbeiten kommt – sowohl in Bezug auf die Fläche, den Schwierigkeitsgrad wie auch finanziell -, aber manches fordert wirklich Grenzwertiges ab.

 

500 Quadratmeter – das ist ‘ne Nummer! Es galt, als öffentlich-behördlichen Auftrag ganz offiziell städtische Flächen zu gestalten. Die seitlichen Wände der Rampen einer Fußgängerunterführung sollten in neuer, künstlerisch designter Optik die Besucher der Stadt in Empfang nehmen. Nun ist das mit der Verwaltung, den Behörden und Politikern mitunter so eine Sache. Ich habe fast zwei Jahre an verschiedensten Entwürfen gearbeitet, immer wieder neue Skizzen vorgelegt, gezeichnet wie ein Großer, bis sich die Herrschaften dann endlich einig waren, wie das Ganze nun werden soll. Ein abstraktes, dezentes und freundliches Farbenspiel sollte die häßlichen Betonwände Geschichte werden lassen.

Nun denn, ich besorgte hochwertige Fassadenfarben, kaufte extra dafür großformatiges Pinsel- und Rollenwerkzeug, orderte eine ortsnahe Parkgenehmigung und meldete mich von meinen Atelierräumen für die nächsten Wochen quasi ab. Zusammengefasst erscheinen einem die Flächen als gar nicht allzu viel, doch wenn man die über 500 Quadratmeter Stück für Stück mit farbigem Ideenreichtum verzieren soll, kann jeder Meter ziemlich lang werden.

Die Passanten, die ja nicht wußten, welche rathäusliche Vorgeschichte jene Aktion hatte, hatten unterschiedlichste Meinungen dazu. Dementsprechend vielseitig waren die Kommentare, die ich mir anhören durfte. Das ging von: „…Das wurde aber auch Zeit…“ über „…Toll machen Sie das…“ bis hin zu „…Was’n für ‘ne Schmiererei…“ und „…Ich zeige Sie an…“. Ich dachte mir meinen Teil und freute mich über die Ehrung, mit meinem Schaffen so wie ich es wollte positiv zum Stadtbild beitragen zu dürfen und über den zu erwartenden Kontostand.

Es ging nur langsam voran. Es war Spätsommer und das Wetter wurde wechselhaft. „Regen wäre dann jetzt ganz schlecht…“ waren noch so meine Gedanken beim Betrachten der immer dunkler werdenden Wolken. Ok, diese zwei Meter noch, dann muß ich aufhören. Ja ja ja, anstatt gleich…

Es kam wie befürchtet. Anfänglich nur ein paar Tropfen, fing es – natürlich nicht überraschend – gewitterartig an zu schütten. Ich rettete meine Farbtöpfe und Utensilien in den Fußgängertunnel. Aber die frische Farbe an den Wänden war natürlich noch nicht trocken. Ich mußte tatenlos mit ansehen, wie der Regen das Material anlöste und bunt an den Betonflächen herunterlief. Als wenn das nicht schon schlimm genug war – 10 Quadratmeter kreative Pinselarbeit lösten sich grade in ein schmuddeliges Irgendwas auf – hatte das Ganze auch noch Folgen. Ein Tunnel hat die Eigenart, unterirdisch zu sein. Um dort hinzugelangen, mußten die Zuwege abschüssig sein. Wasser fließt bergab. Daraus ergibt sich, dass das abgespülte  Regenwasserfarbgemenge sturzbachartig die Rampe herunter in den Tunnel floß.

Schlagartig wurde mir bewusst: „Wenn das trocken wird, ist die ganze Pflasterung unreparierbar bunt!“. Ich rannte also in einen nahegelegenen Supermarkt und kaufte Schrubber, Besen und was ich sonst noch spontan für geeignet hielt, um das Schlimmste abzuwenden. In strömendem Regen schrubbte ich den Farbbächen hinterher, um sie in die Gullis zu schieben, damit sich bloß keine Reste der hochwertigen und somit sehr haltbaren Farbe in den Rillen, Ritzen und Poren der Pflastersteine absetzte und anzutrocknen drohte.

Super Aktion. Gottseidank war bei dem Wetter niemand unterwegs. Wer mich beobachtet hätte, hätte denken müssen, ich hätte nicht alle Waffeln im Eisen. Nach 20 Minuten war das Ganze vorbei und ich bis auf die Unterhose triefend nass. Aber immerhin konnte ich die Farbe an den nicht dafür vorgesehenen Bodenflächen verhindern.

Soetwas durfte nicht noch einmal passieren! Um das Projekt gut zuende bringen zu können – ich hatte ungefähr die Hälfte fertig -  mußte ich mir etwas einfallen lassen. Die ganze Unterführung einzurüsten und zu beplanen, wäre viel zu aufwändig und kostenintensiv gewesen. Also bastelte ich aus Dachlatten und Bauplanen ein flexibeles Dach, welches ich Stück für Stück über den Geländern der Rampe weiterschieben konnte. Immer soweit, dass ich regengeschützt ein paar Meter malen konnte. Die Konstruktuion sah zugegebenermaßen wenig professionell aus, zumal sich in der durchhängenden Plane immer Pfützen bildeten, für die ich durch eingeschnittene Löcher eine Abflußmöglichkeit schaffen mußte. Das wiederum hatte zur Folge, daß die Passanten eine Art Schlangenlinienparkour laufen mußten, damit ihnen das Wasser nicht in den Kragen lief. Wieder fing ich mir etliche kopfschüttelnde Meckersprüche ein. Mit Ohren auf Durchzug pinselte ich mich Meter für Meter voran und irgendwann waren alle drei Rampen neu designed. Erschöpft, aber auch stolz, es doch mal wieder irgendwie hinbekommen zu haben, packte ich meine Utensilien ein und demontierte die etwas abenteuerliche Regenschutzkonstruktion.

 

Irgendwie geht’s immer, „Geht nicht“ gibt’s nicht!