DEWALDO

12. Spartacus seine Frau

Manche Tage funktionieren aber auch so überhaupt nicht. Da wäre es besser, gleich zuhaus zu bleiben. Aber Job ist Job, abgemacht ist abgemacht.

 

Wie schon des öfteren sollte wieder einmal eine Bodypainting-Showperformance live in einem Einkaufscenter zum Besten gegeben werden. Kaufmännisch eine – im Grunde ZU – kleine Aktion, aber aufgrund der guten Geschäftsbeziehungen ließ ich mich auf den Auftrag ein. Bezüglich des Aufwandes allerdings war die Sache ganz und gar nicht simpel. Zwei Models, zwei Paintings, allgemeines Thema “Gold”. Im Vorfeld wurden die Einzelheiten besprochen. Dachte ich. Aber mangels ausführlicher Kommunikation unterhalb der Auftraggeber kamen bei mir die falschen Informationen an. Suboptimal nur, dass ich das erst mitbekam, als die Aktion quasi schon zuende war.

Mitgeteilte Idee war, mit goldenen Accessoires einen Spartacus-Typen sowie eine dazu passende römische Lady zu kreieren. Für solch’ spezielle Motive und den daraus zu erwartenden, ebenso speziellen Fotos erschien es mir sinnvoll, mir sehr viel Mühe mit den Dekorationen, Zutaten und Details zu geben. Nach intensiven Recherchen fand ich in 150 km Entfernung einen Kostümverleih. Eine – oh, ein Wortspiel aufgrund des Themas – wahre “Gold”grube. Ich fand aufwendig benietete Gürtel, römischen Schmuck, Umhänge, sogar altertümliche Schuhe wurden wir angeboten, diverse Waffen wie Schwerter, spitze Beile und einen zweikugeligen Morgenstern nahm ich kostenpflichtig leihweise mit. Parallel beauftragte ich gegen Honorar eine weitläufige Bekannte, sich ebenfalls nach Accessoires umzuschauen, die dann auch prompt echten alten orientalischen Schmuck auftat. Auch meine Assistentin konnte noch brauchbare Zutaten besorgen. Wir hätten uns nicht um Perfektion bis ins kleinste Details bemüht, kann man uns nicht vorwerfen.

Das Model-Booking ist grundsätzlich eh schon immer recht aufwendig, in diesen Fall wurde es zusätzlich erschwert durch den Wochentag, an dem das Ganze stattfinden sollte. Zwei Tage vor eben jenem Zeitpunkt sagte das mühsam gefundene weibliche Model ab. So etwas mögen Event-Künstler immer gern. Nach wildem Gemaile, Gechatte, Gesimse und ewiger Telefoniererei fand sich auf den letzten Drücker ein Ersatz. Das ging ja schon gut los.

Wir mussten früh aufbrechen. Aufgrund des schmalen Budgets war trotz der nicht unerheblichen Entfernung eine Übernachtung nicht drin. Um 4.30 Uhr aufstehen, die letzten Utensilien ins Auto laden, um 6 Uhr war gemeinsame Abfahrt mit dem Künstlermobil. Frühstück unterwegs. Wenn überhaupt. Nach den ersten 150 km und aufgrund der Tageszeit eher spärlicher Unterhaltung wurde es auf der Rückbank verdächtig ruhig. Man könnte Schlaf vermuten, aber nach einem Blick in den Innenspiegel konnte ich gar nicht schnell genug rechts ranfahren. Das Einspring-Model hatte keinerlei Gesichtsfarbe mehr und die Pupillen bereits auf links gedreht. Noch bevor das Auto endgültig stand, schob sie die Tür auf und hing mit dem Kopf über dem Grünstreifen. Okay – Pause, durchatmen. Nach einer Viertelstunde war der Magen leer und der Kreislauf wieder einigermaßen stabil. Angeblich. Dass dem nicht so wahr, stellte sich heraus, als wir 20 Kilometer weiter in einem Stau steckenblieben, noch dazu in einer Baustelle. Keine Chance zum links oder rechts oder sonst irgendwohin ausweichen und anhalten. Vorsorglich hatten wir unseren Wassereimer aus dem Kofferraum mit in die Fahrgastzelle genommen, so dass uns ein Alptraum erspart blieb. Die übriggebliebene Variante war aber auch nicht grade amüsant. Im Schritttempo vorankommend steckte der blonde Modelkopf in dem Behälter und gab, ergänzt mit nicht näher untersuchten Flüssigkeiten “komische” Geräusche von sich, die durch das hohle Plastikmaterial noch verstärkt wurden. Die dazu begleitenden “Düfte” ließen uns restlichen drei Pkw-Insassen… okay, Fenster auf! Dinge, die die Welt nicht braucht. Und schon gar nicht morgens unter Zeitdruck in einem Baustellenstau.

Ungefähr eine Stunde zu spät angekommen, mussten wir erst einmal tief durchatmen. Modelblondy wurde an die frische Luft gesetzt, während wir anderen von der Auftraggeberin sparsam begrüßt wurden. Auf Ausladehilfe von Umherstehenden mehr oder weniger Beteiligten – es sind ja immer etliche Utensilien, die wir bei uns haben, um eine attraktive Performance abzuliefern – brauchten wir aber nicht hoffen, so dass wir unser Equipement selbst zum Aktionsplatz brachten. Grundsätzlich völlig in Ordnung, aber wenn man um Hilfe bittet und nur “…haben wir nicht…/…können wir nicht…/…dafür werd’ ich nicht bezahlt…” zur Antwort bekommt, sorgt das nicht unbedingt für engagiertes Miteinander. Ein vereinbarter backstage-Raum war auch nicht vorgesehen. Stromanschluß fehlte ebenso. Wir machten uns so unsere Gedanken, ob wir dort überhaupt richtig und wirklich willkommen waren und richteten unseren Platz ein. Als vermutliche Tagesstimmung schlich sich immer mehr ein Das-wird-hier-heut’-nix-Gefühl ein. Argwöhnisch beobachtete die Chefin unser Schaffen und wir brauchten einige Zeit, bis wir in Farbfluss kamen. Um die römische Lady, die mittlerweile immerhin wieder auf den Füßen stand und ein wenig an Lebensfarbe im Gesicht zurückgewonnen hatte zu schonen, begannen wir ohne viel Aufhebens mit dem extern dazugereisten männlichen Spartacus-Model. Wir gaben uns Mühe, mit Blattgold und Farbe dem edelmetalligem Thema gerecht zu werden. Der Auftraggeberin schien alles irgendwie nicht recht zu sein, sie war so gar nicht “lieb” zu uns. Wirklich zur Kenntnis genommen hat uns von den Passanten auch niemand, fehlte doch jegliche Werbung oder Ankündigung. Immerhin wurden wir von einem extern engagierten Fotografen, der um uns herumwurschtelte und wie wild und unkontrolliert gefühlte eine Million Arbeitsfotos schoss, die im Grunde niemand braucht (und die – wie sich später herausstellte, auch fast alle unbrauchbar waren), permanent eingekreist.

Nachdem wir dann auch das weibliche Model gepaintet hatten, fragte der Eventmanager, wann und wo denn endlich das Firmenlogo platziert werden würde. Mit fragenden Blicken -davon war im Vorfeld nie die Rede – bastelten wir spontan eine provisorische Schablone, um zähneknirschend die Römer mit Schriftzügen zu verunstalten. Mit der Hoffnung auf tolle Fotos aufgrund der vielen echt wirkenden Accessoires wollten wir dann jetzt eigentlich unsere Arbeit beenden, als sich die Centermanagerin entrüstete, dass viel zu wenig goldiges zu sehen sei. Es stellte sich heraus, dass die Spartacus-Idee lediglich der Eventmanager ausbaldovert und mir mitgeteilt hatte. Die Auftraggeberin wusste davon nichts und es war ihr auch schnurzpiepegal. Hauptsache GOLD. Aaaaahh jaaa…. Kurzerhand kleisterten wir einige Stellen großzügig über und es wurden flüchtige Fotos gemacht, von denen sich im Nachgang heraustellte, dass überhaupt nicht so und das fotografiert wurde, was den Bodypaint-Motiven gerecht geworden wäre. Die Stimmung hing im Keller und die Mägen in den Kniekehlen. Es war längst dunkel, als wir nach einem schnellen selbstbezahlten Menü, aber ohne anständig verabschiedet worden zu sein die Heimfahrt antraten. Model-Blondie, die tapfer durchgehalten und den Tag irgendwie überstanden hatte, umklammerte auf dem Rücksitz vorsichtshalber den Eimer. Der blieb gottseidank leer. Auch, als wir fünf Kilometer vor unserer Autobahnabfahrt in – wie sollte es anders sein – einen Stau gerieten. So nah und doch so fern, über eine Stunde ging nichts voran. Es war späteste Nacht, als ich als letzte Amtshandlung auch noch das Model heim brachte, da ihr Freund lange Zeit vergeblich vor der Künstlerhaustür wartete und irgendwann ohne seinen Schatz entsprechend säuerlich abfuhr.

Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg, die geliehenden Utensilien zurückzubringen. Ungeschickt nur, dass beim Zusammenräumen am Vorabend die Spitze einer der Waffen abbrach. Ich packte also diverses Werkeug ein, um auf dem Weg zum 150 Kilometer entfernten Kostümverleih und per Zwischenstopp an einem Baumarkt mit kurzerhand erworbenem Reparaturmaterial das Gerät zumindest soweit wieder instandzusetzen, dass die Chance groß war, dass der Schaden regresslos unbemerkt bleibt.

Alles in allem – …morgendlich sich erbrechende Models, ungenaue Absprachen, falsche Vorbereitungen, fragwürdige Fotografen, unfreundliche Aufttraggeberinnen, vermeintlich falsche Motive, Sachschäden an Mensch und Material, Kassen-Minus, Stau-Geduldsproben, kaum brauchbare Fotoergebnisse – … durch und durch eine Nullnummer.

 

Das Model war dann länger krank, die Waffenverleiherin hat sich nie gemeldet…