DEWALDO

11. Chemie

Es müssen sich nicht alle Menschen lieb haben. Schon gar nicht, wenn sie sich vorab nicht kennen, aber zumindest einer davon sich nackig macht, um sich von dem anderen bepinseln zu lassen.

 

So ist das nun mal, wenn ich meine Bodypainting-Projekte umsetzen will. Keine Körperkunst ohne unbekleidete Menschen. Okay, ICH muß mich dazu nicht auch noch der Kleidung entledigen, dass will keiner sehen. Aber meine Models kommen darum nicht herum. Und so ungern machen sie das scheinbar nicht, sonst wären sie nicht dabei.

Nun hat aber jeder so seine Befindlichkeiten. Und bei der Painterei kommt man sich nun mal sehr nahe und es funktioniert nicht ohne Berührungen. Ein Mensch hat eine ziemlich große Fläche an Haut, so dass es eine ganze Weile dauert, bis alle Quadratzentimeter mit Farbe bedeckt sind. Man hat also über mehrere Stunden miteinander intensiv zu tun. Da bedarf es schon einer guten Portion Vertrauen und zumindest annähernd gleicher Wellenlänge, um den Tag trotz aller Anstrengungen dennoch mit wohligem Empfinden zu überstehen.

Nur weiß man vorab nicht immer, ob das dann auch so ist. Ungünstig nur, wenn man eine aufwendige Aktion und ein Fotoshooting vorbereitet hat und erst bei der dann ersten Begegung feststellt, dass “es” nicht passt.

Ein mir noch fremdes Model interessierte sich für mein Schaffen. Es gingen ein paar Schriftwechsel hin und her, Fotos wurden geschickt und kurz telefoniert. Sah gut aus, las sich und klang alles gut – okay, dann machen wir was zusammen, wir vereinbarten einen Termin. Ich bereitete alles vor, überlegte mit ein Motiv und organisierte einen Fotografen für das notwendigerweise abschließende Fotoshooting. Kaffe gekocht, Getränke und kleine Snacks bereitgestellt – es soll sich ja jeder bei mir wohl und gut aufgehoben fühlen. Jetzt kann sie kommen.

Der vereinbarte Zeitpunkt rückte näher und ich war gespannt wie ein Flitzebogen, auf was für eine Person ich mich einstellen und im günstigsten Fall freuen durfte. Es klingelte. Ich öffnete die Tür. Stille. Beiderseits. Urrggh. Sollte ich mich so getäuscht haben? Nein, niemand konnte etwas dazu, manchmal ist es einfach so wie es ist. Wir sahen uns an und drückten ein knappes, pauschal-höfliches „Hallo“ heraus. Unsere Blicke sprachen Bände. Sie fand mich bescheuert und ich sie blöd. Wir mochten uns nicht, einfach so – es gab nicht mal auch nur ansatzweise irgendwelche gemeinsamen „Chemikalien“. Null gemeinsame Wellenlänge. Unausgesprochen dachten wir beide dasselbe: “Oh nee, die/der geht gar nicht!”.

Ich bat sie dennoch herein mit der Hoffnung, dass wir uns beide vom ersten Eindruck getäuscht hatten. Schließlich hatte ich alles vorbereitet und sie sich den Weg zu mir gemacht. Wir rangen beide mit lediglich höflich-pauschalen warmwerd-Floskeln, sie entledigte sich der meisten Ihrer Kleidungsstücke und ich begann mit meiner Arbeit. Im Raum schwebte ein ätzendes Unwohlsein. Beiderseits.
Es ging nicht. Nach einer gequälten Stunde brach ich die Aktion ab und erlöste sie. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie sich ihre Klamotten provisorisch überschmiss und quasi fluchtartig das Haus verließ. Nein, ich hatte ihr nichts getan. Wirklich. Hätte sie sich getraut, hätte sie die Sache selbst auch abgebrochen, aber aus lauter Respekt vor dem großen Herrn Meisterkünstler hielt sie die Situation aus. Das ehrte und schmeichelte mir zwar, brachte mich aber dennoch um den Tag und die vorbereitete Aktion. Sie war sehr froh, dass ich sie entließ. Und ich war froh, sie los zu sein.

Man muß sich ja nicht gleich um den Hals fallen und heiraten wollen, zumal man ja nur “dienstlich” miteinander zu tun hat. Aber so ein kleines bißchen sollte man sich schon leiden mögen, um den gemeinsamen Tag einigermaßen gut zu überstehen. Aber es haben sich nun mal nicht alle Menschen gleichermaßen lieb.

Für mich war das die Lehre, nicht mehr mit mir noch unbekannten Models irgendwelche Projekte zu planen. Seit jener Begegnung müssen alle neuen Aspirantinnen zu einem Probetreff erscheinen. Ein wenig quatschen, ein wenig pinseln, ein paar Foto-Schnappschüsse knipsen… dann kann man sich zumindest schon einmal ein bißchen aufeinander einstellen. Nebeneffekt ist auch, dass die Figur gleich sichtbar ist und es keine Überraschungen gibt, wenn „ausgepackt“ wird. Denn schöne Fotos schicken, auf denen attraktive, gegebenenfalls gepimpte Damen in schnieken Klamotten abgelichtet sind, ist das eine – fast unbekleidete Tatsachen manchmal etwas anderes.
It’s Showtime, we need Best Of!

Von der „Begegnung der dritten Art“ habe ich nie wieder etwas gehört und gesehen. Aber erfreulicherweise gibt es doch immer wieder noch junge Damen, auf die ich mich freue und die gern zu mir kommen, um sich nackelig zu machen und sich von mir bepainten zu lassen.

 

Liegt wohl am Kaffee und Gebäck.