DEWALDO

09. Madonna Monika

In Fernsehshows war ich durchaus öfter. Dieses Mal ging es nach Süddeutschland zu einer sehrwohl renommierten abendlichen Unterhaltungssendung, in der entertainig über den Wandel der Mode in den letzten hundert Jahren berichtet werden sollte. Eine aus meiner Sicht  aufwendige Produktion mit Interviews, Livemusik, Showacts, Tanzeinlagen. Ein Teil davon war ich. Nein, ich sollte nicht tanzen. Zu dem singen komme ich später.

 

Es war geplant, per Bodypainting die verrückten 80er Jahre dokumentieren. Madonna mit ihren exessiven Kleidungsstilen wurde als typischer Star aus jener Zeit auserkoren. Eines ihrer damaligen Outfits sollte ich während der Sendung an einem Model live kreieren. Ok, für solch’ eine Sache wollte ich ein gutes, zuverlässiges, attraktives Mädel mitnehmen und machte die Sache mit Monika* (*Name geändert) klar.

Irgendwie war es nicht ihr Tag. Beziehungsweise hakte schon im Vorfeld die ganze Aktion. Wir tüftelten telefonisch über die Motive, diskutierten die damaligen Outfits. Eher Rockerbraut mit halben Nietenhandschuhen, Hotpants, Netzstrümpfen, Lederjacke, vielen Ketten, übertriebenem MakeUp, tuppierten Haaren, Absatzschuhen oder eher die romantische Nummer in weißer Corsage, Schleifen im Haar, mit vielen Ketten und Klimbim, Tüllrock und Spitze. Wir konnten uns nicht entscheiden und packten für beide Varianten Material ein.

Auf dem Weg dorthin sammelte ich sie früh morgens unterwegs ein. Eigentlich löblich vorbereitet hatte sie sich die Fingernägel schon einmal knackerot lackiert. Was man nicht alles tut für’s Showbiz. Es war so gar nicht ihr privater Style und ihr somit mega peinlich, damit auf der Autobahnraststätte auch nur Brötchen kaufen zu gehen. Ein bisschen zickig heute, das Fräulein? Die Fahrt dauerte lang und Monika wurde es immer unwohler. Aber nicht etwa wegen eventuellem Lampenfieber vor dem Auftritt, sondern weil ihr immer mehr die Haut juckte. Es dauerte eine Weile, bis wir herausfanden, was plötzlich los war. Von unserem damaligen Hund flogen etliche Haare im Auto herum und darauf reagierte sie allergisch. Ich fuhr also mit einem mit von roten Flecken übersähtem, sich ständig kratzendem, völlig genervtem Bodypainting-Model zu einer live-Aufzeichnung einer kulturell durchaus ansehnlichen Fernsehshow.

Als wir am Set ankamen, waren alle Anwesenden sehr angespannt. Es gab wohl technische Probleme. Wir wurden in die Maske zitiert und kurz darauf erschien jemand, der etwas zu sagen zu haben schien, um mit uns das Outfit zu besprechen. Wir kramten in unseren Kisten und erklärten unsere Vorhaben, aber keine unserer Ideen und Accessoires waren den Fernsehleuten recht. Monika probierte einige ergänzende Kleidungsstücke an. Sie steckte grade in den schwarzen Netzstrümpfen und schlüpfte in die abgeschnittene Jeans, als alle sofort zur Generalprobe zitiert wurden. Das heißt beim Fernsehen, dass die ganze Sendung – in jenem Fall eineinhalb Stunden – mit allen Beteiligten einmal 1:1 durchgeprobt wird. Publikum, Akteure, Musik, Moderation, Licht, Kameraführung, usw.. Nun war Moni’s Hose aber doch SEHR arg kurz abgeschnitten. Sexy halt. Doch in Kombi mit den Netzstrümpfen und hohen Absatzschuhen fühlte sie sich sichtlich unwohl. Hundeplack am Hals, benetzte Langbeine in ZU knappen HotPants. Gesichtsausdruck entsprechend. Die uns begleitenden Blicke von allen Umstehenden sorgten auch nicht grade für Entspannung. Möge sich doch bitte der Boden zum versinken auftun. Tat er aber nicht. Es nützte nichts, wir mussten an dem uns zugewiesenen Platz verweilen und den Regieanweisungen folge leisten. Wann und wohin in welche Kamera blicken, was tun, was nicht, schlaue Antworten auf die belanglosen Fragen der Moderatorin, die ich noch aus Kindersendungen kannte, möglichst intelligent beantworten, auf den Commedian – früher sagte man zu so jemandem Pausenclown – achten, der unsere Unsicherheit mit z.T. dünnen Gags überspielen vermochte und zu allem Überfluss sollten wir – ich erwähnte es eingangs – … ja, richtig: singen. Hallo? Ich bin Maler! Aber in jenem Fall schunkelnd und pinselschwingend zur Livemusik bitte. Aaah ja…

Wir überstanden die Probe und wurden zurück in die Maske geschickt. Ich schlug ein Outfit nach dem anderen vor, Monika probierte dies und das, zeriss dabei nebenbei versehentlich eine echte Perlenkette, mit der ach so typischen Tüllschleife mochte sie partout nicht ins Fernsehen, der Hundehals juckte, ich war genervt von meiner eigenen Inkompentenz und –konsequenz, die teuren Perlen kullerten durch den ganzen Container und der Regisseur verließ kopfschüttelnd das Areal. Um dem Spektakel ein Ende zu bereiten, warfen wir letztendlich den ganzen Madonna-Firlefanz in die Ecke und ich entschied, das Moni ihre normale Hose anzog und ich am Oberkörper nur eine simple Bluse malte. Unten grau, oben einfarbig türkis. Langweiliger geht’s kaum. Aber dieser Style passte auch gut zu mir selbst, hatte ich doch vergessen, mir einigermaßen fernsehtaugliche, ansehnliche Kleidung mitzunehmen. Somit musste ich mit meinem ebenfalls grauen, knittrigen Hemd sowie unrasiert und ungekämmt ins Bild. Auch die Visagistin konnte nichts mehr retten.

Die Sendung zog und zog sich, wir pinselten in der seitlichen Kulisse und wurden ab und zu eingeblendet, die Moderatorin stellte ihre Fragen, entzog uns aber das Mikrofon, bevor wir antworten konnten, der Spaßmacher lachte über seine eigenen Witze und wir – jetzt war uns eh alles egal… ja, wir haben ES getan!  Die Fünfziger-Jahre-Rockebillies musizierten peppig auf der Bühne und per elegantem Kameraschwenk sah man eine ausschlaggebeutelte, grautürkisfarbend eher schlecht als recht bodygepaintete Monika sowie einen zauseligen Pinselheini, dessen aschgraue Hemd- und Gesichtsfarben sich kaum voneinander unterschieden eingehakelt-schunkelnd und pseudo-mitträllernd in einer Modesendung vor Livepublikum im Bild.

Oookkaaayyyy…kann man machen. Kann man sich aber auch sparen.

 

Noch während der Heimfahrt im Dunkeln fummelte Moni den Nagellackentferner aus dem Arbeitskoffer.