DEWALDO

07. Straßenkampf

Manchmal meint es aber auch nichts und niemand gut mit einem. Dabei will man doch für alle und jeden (und sich) nur das Beste. Auch, wenn man kurzfristig zu einem Straßenfest eingeladen und es sich über das Mitwirken gefreut wird.

 

Ich wollte mal wieder ganz groß wirken und dass in diesem Fall wortwörtlich. Idee war, auf der Straße eine riesige Leinwand live vor Publikum abstrakt zu bemalen, nach den Wünschen der Zuschauer in kleine und große Stücke zu zerschneiden, sofort auf Keilrahmen zu ziehen und den Leuten ihr besonderes Stück für kleines Geld gleich mitzugeben. Kunst nach Quadratzentimetern.

Soweit so gut. Eigentlich keine soooo schlechte Idee, spektakulär auf sich aufmerksam zu machen. Das das spektakuläre daran aber eher anderes wurde – okay, eine Erfahrung mehr.

Mein Aktionsplatz sollte über eine ganze Straßenkreuzung gehen. Dort passten locker 80 Quadratmeter hin. Da ich soviel Leinwand natürlich nicht bezahlen konnte, bastelte ich mir die Sparvariante in Form von zusammengenähten weißen Bettlaken zusammen. Und scheinbar unter Größenwahn leidend schneiderte ich mir drei Stücke zu je sechzig Quadratmeter zusammen. Diese breitete ich auf dem großen Hof vor dem Bauernhaus, in dem wir damals wohnten aus und bepinselte sie in bester Künstlermanier per abstraktem Freestyle. Natürlich – anständig wie ich bin – mit vorher untergelegter Plane, um nicht die Pfastersteine unfreiwillig zu verschönern.

Blöd nur, dass ständig der Vermieter mit seinem Trecker in die Scheune musste. Pinseln, einrollen, warten, ausrollen, pinseln, einrollen,… das ging ja schon gut los. Da ahnte ich noch nicht, dass das vergleichsweise harmlos war gemessen an dem, was noch folgen sollte. In freudiger Erwartung ob des reißenden Absatzes investierte ich in Farbe, Material und Unmengen Keilrahmenschenkel unterschiedlichster Längen, aus denen ich auf Vorrat gefühlte fünfhundert Keilrahmen in allen erdenklichen Größen zusammenhämmerte – Schreibblockgröße bis Foyermaße.

Der Veranstaltungstag rückte näher. Allerdings auch die Regenwolken. Hm, schlechtes Wetter hatte ich nicht bedacht. Da nun aber die Aktion kommen MUSSTE, musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich hatte ja die großen Unterleg-Bauplanen, die ich nun als Wetterschutz nutzen wollte. Also bewaffnete ich mich mit diversen Seilen, Bändern und Spanngurten, weil ich mir doch tatsächlich einbildete, mal eben mit einfachen Mitteln eine ganze Straßenkreuzung überdachen zu können. Es regnete, als ich vor Ort die großen Kunststoffbahnen ausbreitete und nach angrenzenden Befestigungsmöglichkeiten suchte. Blumenkästen, Laternenpfähle, Straßenschilder, Dachrinnen,… Die Plane hatte durch ihre Größe ein entsprechendes Eigengewicht. Kaum an einem Ende in ca. 4m Höhe befestigt, wehte mir an anderer Stelle alles davon. Zwischendurch wollten Fahrzeuge die Fläche passieren, so dass ich erst einmal beiseite räumen musste. Neuer Versuch, wieder auf die Leiter. Mittlerweile regnete es in Strömen. Das hatte wiederum zur Folge, dass, sobald ich zwei drei Zipfel festband, sich das Wasser in der durchhängenden Plane sammelte und durch das zusätzliche Gewicht die Seile ausrissen. Okay, so ging es nicht. Ich brauchte etwas zum abstützen. Also raffte ich alles an die Seite, fuhr nachhaus und suchte in der Scheune nach langem “Irgendwas”. Einige dreckige und nicht unbedingt vertrauenserweckende hölzerne Bohnenstangen fand ich als einziges Material. Mit unerlaubter Überlänge auf dem Pkw-Dach fuhr ich zurück zum Veranstaltungsort.

Ich war klitschnass, bis ich wieder einige Befestigungspunkte sichern konnte. Die riesige schwere Plane wirbelte um mich herum, kaum hatte ich an einer Seite eine der Stangen fixiert, fiel mir die nächste an anderer Stelle entgegen. So ging das eine ganze Weile. Aus den angrenzend stehenden Buden und Ständen nahm ich aus den Augenwinkeln das mitleidige Schmunzeln der im Trockenen stehenden Betreiber wahr und war stinksauer. Geholfen hatte niemand. Man könnte ja nass werden, iiiiihh nee. Ich kam mir vor wie Don Quichote im verzweifelten Kampf gegen die Fahnen und Speere hinterlistiger Feinde.

Püh! Mit selbstzugesprochenem “jetzt erst recht!”-Mut schaffte ich es irgendwann irgendwie. Die mit eher unfreiwillig eingerissenen Abtropflöchern triefende Plane überspannte mit schief und abenteuerlich wirkenden Stützen den Platz. Hatte ich schon die Stromkabel und extra angeschafften Lichtstrahler erwähnt, die es ebenfalls einigermaßen sinnvoll und regensicher zu platzieren galt? Ein heilloses Strippenwirrwarr. Alles in allem sah eine halbwegs professionelle Präsentation eindeutig anders aus. Es wurde Abend, als ich endlich zur eigentlichen Sache kam und meine vorbereiteten Leinwände ausbreitete. So, nun aber, liebes Publikum! Seht! Und kauft!

Obwohl ich live noch einmal den Pinsel schwang, um zu verdeutlichen, was ich wollte, erntete ich von den eh schon wenigen Passanten eher unverständliches Kopfschütteln. Hinter mir regneten die zahllosen Holzkeilrahmen nass und auf dem Tuch floss mir die Farbe davon. Zwei drei Besucher des Festes konnten sich für einzelne Farbklecks-Segmente aus den großen Laken begeistern, die ich ihnen sodann ausschnitt, aufspannte und für kleines Geld überlies. Einmal erste Löcher geschnitten, suchte ich selbst dann einige Stellen aus, die ich in Gemälde verwandelte und in Form einer Outdoor-Galerie zeigte. Das war’s dann aber auch schon. Und als wären die Anstrengungen und der Misserfolg nicht schon Strafe genug, ließ es sich ein junges Pärchen mit Kinderwagen auf dem Nachhauseweg nicht nehmen, gedankenverloren und in Gespräche vertieft über meine Leinwand zu rollern. Okay, das war’s, es reicht. Ich packte ein und war um einige Erfahrungen reicher und um etliches Geld ärmer spät in der Nacht mit dem ganzen Gelumpe zuhaus.

Lange Zeit haben die übriggebliebenen Leinwandfetzen im Lager gelegen. Ich mochte mich trotz allem nicht von den vollgekleckerten Lappen trennen und war zuversichtlich, dass das Ganze doch bestimmt noch zu irgendwas gut sein würde. Vor der dann doch irgendwann stattfindenden Entsorgung schnipselte ich noch einige attraktive Stücke heraus. Manche habe ich nachträglich prompt noch verkaufen können, ein sehr schönes Großformat davon habe ich heute noch. Darunter waren aber auch zehn Postkartengrößen, die ich in dazu überproportional großen Alu-Bilderrahmen inklusive Passepartout einrahmte und – mit imaginärer Seriennummer versehen einem vermeintlich “wichtigen” Geschäftsmann zur Attraktivitätssteigerung seiner Büroräume mit nicht gelogenen Attributen wie “…sind Originale… sehr exklusiv… limitierte Auflage…” für quasi unverschämte Beträge verkaufte.

 

Tja, so ist das manchmal mit der Kunst.