DEWALDO

06. Rotlicht – Kantine

Es liegt in der Natur der Sache, dass eine gewisse Situationskomik sich spontan und unerwartet ergibt.

 

Ich hatte mir eine Zeit lang im ersten Stock eines alten Fabrikgebäudes ein Atelier eingerichtet. Die ehemalige Kantine erwies sich als bestens dafür geeignet. In den angrenzenden Räumlichkeiten auf dem Gelände haben sich nach und nach einige Firmen und Handwerksbetriebe niedergelassen.

Es war die Zeit, in der ich anfing, immer öfter Bodypainting-Shootings zu machen. Und ohne Models keine Körpermalerei. Da aber interessierte Damen, die sich mal eben für den Herrn Künstler nackig machen, um sich von ihm bepinseln zu lassen nicht auf den Bäumen wuchsen, schaltete ich ein Inserat. “Suche Models für Bodypainting-Projekte”. Und siehe da – es meldete sich sogar jemand. Ein Mädel, welches gern mal mitmachen würde. Da nun ein solches Vorhaben immer sehr aufwendig ist, man sich sehr nahe kommt und etliche Stunden miteinander verbringt, ist ein vorheriges Kennenlern-Treffen sinnvoll.

Also lud ich die Bewerberin ein. Ein bisschen aufgeregt war ich ja schon. Zu jener Zeit bekam ich nicht allzu oft Damenbesuch in den alten grauen Räumen. Auch wenn es nur “dienstlich” war. Um zu mir zu gelangen, musste man vom Haupttor einen langen Weg bis zu meinem Gebäude gehen, links und rechts die Handwerker. Meine Aspirantin hatte spontan eine Freundin mitgebracht, allerdings hatten die beiden sich verspätet und fanden den Weg auch nicht gleich. Ich lotste sie also per Handy vom Tor in meine Richtung. Und da bogen sie um die Ecke: Beine bis zum Himmel, auf Absätzen, die schon auf Entfernung waffenscheinpflichtig aussahen, mit etwas um die Hüften, dass eher als breiter Gürtel denn als Rock durchgehen könnte. Die Oberweiten zwängten sich in ein quasi angesaugtes Irgendwas und vermochten kaum dort zu bleiben, wo sie bedeckt hingehörten. Wallawalla-Mähnen, einmal in – in diesem wahrsten Sinn klassischem – blond und zum anderen in dunkel umrahmten Farbkompositionen, die meinem Arbeitskoffer alle Ehre machten. Roter Lippenstift obligatorisch.

200 Meter. Unebene Straße. Handy am Ohr. Suchende Blicke. Ganz andere Gesichter tauchten plötzlich nach und nach links und rechts aus Fenstern und Türen auf. Ich sah vom Ende des Weges den Beiden entgegen und das, was sich seitlich abspielte. Wie in Zeitlupe und als wenn sich alle per stille Post über den exotischen Besuch auf dem Gelände kontaktiert hätten, lugte -immer auf Höhe der herannahenden Damen – ein grinsender Kopf nach dem anderen heraus. Den Beiden war die von ihnen verursachte Aufmerksamkeit gar nicht bewusst und so stöckelten sie mir zielstrebig entgegen. Wunderbare Szene.

Ich hab ja mit vielem gerechnet, aber solch’ zwei Exemplare? Hui! Nun denn, sie kamen bei mir an und dann ging auch alles ziemlich schnell. Man trank Kaffee und plauderte über die geplanten Vorhaben. Tja, und auf meine Frage, was sie denn beruflich machen und wann sie Zeit hätten, bekam ich zur Antwort, sie seien freiberuflich selbstständig und zeitlich flexibel in einer Branche tätig, die sie aber nicht näher erklären wollten. Aaaaahh ja. Ich habe es nie erfahren und wollte auch nicht voreingenommen sein, aber…

Ich hätte damit ja kein Problem gehabt, aber bald zeigte sich, dass der Funke irgendwie nicht übersprang. Wir waren nicht auf solch’ gleichen Wellen, als das wir gut miteinander hätten arbeiten können. Sollte vielleicht so sein.

Zumindest die Handwerker jedenfalls hatten sich wohl so ihre eigenen Gedanken gemacht, was jetzt da oben bei dem Künstler abgeht…

 

…und grinsten mich die Tage danach immer so “komisch” an…