DEWALDO

03. Zwergen-Leiter

Manches im Leben ist geradezu märchenhaft. Anderes grausam.

 

In der heimischen Region sind sie zuhause: die Rotkäppchens, die Rapunzels, der Eisenbart, der Münchhausen. Und die Zwerge vom Schneewittchen.

Diese polygame Frau mit ihren kleinen Zipfelmännern sollte zum Wahrzeichen der Stadt der sieben Berge werden. Damit das auch jede/r mitbekommt, sollten die Figuren überall präsent sein. Somit wurde ich engagiert, an verschiedenen Fassaden im Ort diese Wichtel zu malen.

Die ersten zwei fanden ihren Bestimmungsort im Giebel eines Fachwerkhauses. Aber wie kommt man da dran? Auf einer Leiter läßt sich nur schwerlich arbeiten. So ein Zwerg ist relativ schnell gemalt, also lohnt ein Gerüstaufbau nicht. Die Lösung nahte prompt, auf Rädern und mit Blaulicht.

Ganz offiziell, da ja von amtswegen beauftragt, wurde mir die ortsansässige Feuerwehrdrehleiter samt dazugehörigem Feuerwehrmann vorgefahren. Okay, für dererlei Zwecke ist dieses monströse Gefährt zwar nicht gedacht, doch aufgrund der überschaubaren Zeit und einer potentiellen Abkömmlichkeit vom Malerort ließ sich das wohl verantworten.

Nun muss man wissen, das „Höhe“ nicht unbedingt mein Lieblingsplatz ist, zumindest nicht ohne festen Grund, Boden und Halt. Aber jetzt war das Ding schon mal da und der Brandmann sichtlich wichtig. Ich bestückte also den Leiterkorb mit meinen Farbtöpfen und Pinseln, kletterte hinzu und ließ mich an die Giebelwand ausfahren. Ein bißchen wackelig war’s, aber es ging, es war ja nicht allzu hoch. Die Sonne schien, der Zwerg nahm Gestalt an und der Leiterführer genoß seinen außergewöhnlichen Dienst. Keine zwei Stunden dauerte es, und das Werk war vollbracht. Die Stadt hatte ihr erstes Wahrzeichen platziert bekommen.

Also wieder runter. Ich rief dem Fahrzeugführer zu, damit er mich wieder einfahren ließ. Er wandte sich zu den Schaltern und Hebeln und ich erwartete nun  logischerweise meine Reise zurück auf die Erde. Die Leiter drehte sich -  doch er schien sich vergriffen zu haben. Nicht abwärts ging es – nein – hinauf. Mit einem breiten Grinsen rief er mir zu, ich könne doch mal die schöne Aussicht genießen. Wehrlos mußte ich die ganze Länge der Leiter über mich ergehen lassen. Und weil man mit solch einer Leiter an möglichst hohe Örtlichkeiten gelangen muß, ist so eine Feuerwehrleiter lang. Sehr lang! Ich weiß nicht mehr genau, wieviele Elemente es tatsächlich waren, die ausfuhren, aber es war hoch. Sehr hoch! Und je höher ich fuhr, um so wackeliger wurde das ganze. Ich klammerte mich an das dünne Geländer und jeder Ruck ließ mir den Atem stocken.

Ja ja, die Sonne schien und ich könnte doch den Ausblick genießen. DANACH WAR MIR ABER NICHT! Mittlerweile konnte ich die Kirchturmglocke putzen und den schadenfrohen Oberbrandmeister nur noch im Dunst der tiefen Ferne schemenhaft erkennen. So kam es mir jedenfalls vor. Ich hörte ihn zwar nicht, aber mir reichte, was ich sah. Er hatte seinen Spaß und wollte mir nun mit stoischer Gelassenheit zeigen, wie toll so ein Leiterauto ist. Leiter ausfahren ist das eine, aber man kann das Ding auch drehen. Waren meine Pinsel mangels Wasser eingetrocknet oder vor Schreck erstarrt? Es schaukelte, schwang und ruckte und ich mußte mich bei diesem Manöver massiv zusammenreißen, um nicht…

Wie gesagt, normalerweise (sprich: mit stabilem und sicherem Halt) macht mir Höhe nichts, aber auf diese Art rundum-Stadtausblick hätte ich verzichten können.

Ich weiß nicht, ob der Lenker Feierabend hatte oder Nachsicht mit mir, jedenfalls fuhr er das Gestell wieder ein. Mit den fröhlichen Begrüßungsworten: „Ganz schön hoch, was?!“ nahm er mich wieder in Empfang. Ich kletterte aus dem Korb, verstaute ruckzuck meine sieben Sachen (oh, welch ein Wortspiel bei dem Zwergenauftrag ;o) und wollte nur noch nachhaus.

 

Zu den anderen sechs Zipfelmützen und dem Schneewittchen ist es nie gekommen. Entweder ist wohl der Stadt das Geld für diese Auftragsarbeiten aus- oder die Drehleiter kaputtgegangen.