DEWALDO

02. Eröffnung der besonderen ART

Ein Promotion-Bodypainting als Auftragsarbeit zur Eröffnung einer neuen Galerie zu machen, ist Angesichts der Tatsache, dass ich ja eigentlich Bilder verkaufen möchte, sicher nicht die schlechteste Symbiose. Blöd ist nur, wenn die ganze Sache nach hinten bzw. in diesem Fall nach unten losgeht.

 

Ich kannte ihre Vorgeschichte. Sie war nicht gerade das, was man als braves Mädchen bezeichnet. Aber eigentlich war sie ganz nett, sah klasse aus, alles andere als zimperlich und ziemlich „schmerzfrei“. Die Fotos, die ich mit ihr in jenem Sommer zustande brachte, gehören noch heute zu den Favoriten.

Einerseits war ich mir unsicher, ob sie für den Job wirklich geeignet war, andererseits hatte ich nicht wirklich ein Auswahl. Mit der Frage: „Bist Du fit?“ und ihrer Antwort: „Klar, ich schaff‘ das!“ nahm ich sie also mit zur Galerie-Eröffnung. Es war Dezember, kalt und ungemütlich. In den Geschäftsräumen hingegen war es irre warm aufgrund der vielen Leute, Scheinwerfern, usw.. Wir begannen unser Painting hinter einem Vorhang. Zigaretten und Sekt entpuppten sich als ihre Grundnahrungsmittel, aber als erprobte End-Jugendliche war sie gut im Training. Dachte ich.

Zu dreiviertel fertig öffnete ich den Vorhang und arbeitete nun vor Publikum. Oder sagen wir besser: das wollten wir. Man muß wissen, dass, wenn ich ein Bodypainting mache, ich so in meine Arbeit vertieft bin, dass ich kaum etwas um mich herum mitkriege und auch das Model „nur“ zu dem wird, was es in jenem Moment ist: meine Leinwand. (Jene Aktion war mir eine Lehre, fortan um ein vielfaches aufmerksamer zu sein!).

Will sagen: Bis auf den Kopf war alles bemalt und erst als ich anfangen wollte, ihr Gesicht zu stylen und mit Blick in eben jenes noch unbemalte stellte ich erschrocken fest, dass zwar das Motiv fast fertig war, aber das Model eben auch. In Fachkreisen nennt man den Hautton „unbunt“, auf deutsch heißt das: „grau“. Genauer gesagt: „aschgrau“ über „kreidebleich“ bis „kalkweiß“.

Die stickige schlechte Luft im Raum, die Aufregung, die vielen Zigaretten, etliche Gläser Sekt und ihre labile Vorgeschichte, zu der, wie sich später herausstellte, auch noch Streß in der Schule und mit den Eltern, eine abgebrochene Drogentherapie, Umzugsaktionen und ein nicht stattgefundenes Mittagessen dazugesellte, demontierten ihren Kreislauf und in eben genau jenem Moment, als ich zu ihr aufblickte, um den Pinsel auf ihrer Wange anzusetzen, fiel sie mir mit verdrehten Augen und den lallenden Worten: „Ich glaub‘, ich muß mich mal hinsetzen“ in die Arme.

Da ich sowieso kein Herkules bin, konnte ich sie natürlich nicht halten, so dass sie sich irgendwie fußbodenwärts zusammenknotete. Der beigestellte Bistrotisch, bestückt mit Farbtöpfen, schmutzigen Wasserschalen, halbvollen Gläsern, Aschenbecher und diversem Kleinkram entschied sich spontan, sich gleich bei dieser Gelegenheit mal eben per Umsturz von diesem „Unrat“ zu befreien. Binnen Zehntelsekunden Chaos.

Die Wasser-Getränke-Farbe-Werkzeug-etc.-Mischung verteilte sich großzügig und mittendrin lag eine fast unbekleidete, grundsätzlich eigentlich attraktive, hübsch bunt bemalte, aber leider eben auch bewußtlose junge Frau. Ok, es sollte zwar nicht, kann bei dererlei Anstrengung aber durchaus vorkommen, wenn man entsprechende Regeln außer acht läßt und nicht ehrlich seinen aktuellen Gesundheitszustand kundtut.

Ich war mit der Situation völlig überfordert und wußte nicht, was zu tun war. Die irritierten, mittlerweile reichlich angetörnten Gäste allerdings auch nicht. Jeder/m viel eine andere Rettungsmaßnahme ein: (noch mehr) Sekt, Beine hochlegen, Kaffee und/oder Cola zu trinken geben, Zitrone einträufeln, Salz durch die Nase einatmen lassen, kaltes Wasser ins Gesicht schütten und andere mehr oder weniger fragwürdige Methoden. Es fand sich eine Decke, um die Gute zumindest bequem zu lagern. Mein Verstand kam wieder, ich realisierte die Situation und entschied mich für den Notarzt. Während ich aus zugerufenem Nummernwirrwarr die entsprechende Stelle um Hilfe bat, kam Madame wieder zu sich. Immerhin – sie lebte noch.

Immer noch ohne jegliche Gesichtsfarbe, weder von meiner Schminke noch aufgrund ihres eigenen – irgendwann sicher einmal vorhandengewesem – Teints setze sie sich auf, um dann allen Ernstes zu fragen: „Was ist denn los, machen wir nicht weiter?“ Nee, is klar. Während sie den Beweis antrat, nicht einmal stehen zu können, fuhr der Rettungswagen mit Blaulicht vor.

Ein prima Gefährt zur Geschäftseröffnung. Die Sanitäter brachten mein Model in ihren Wagen und stabilisierten ihren Kreislauf, während ich mich notdürftig in Schadensbegrenzung übte. Das gröbste putzte ich von Wand und Fußboden und sammelte, mit dem offiziellen Gesichtausdruck des tiefen Bedauerns (und dem inoffiziellen, stinksauer zu sein erstens ob des entgehenden Verdienstes und zweitens der zu erwartenden Schadensersatzforderungen) Scherben und Krempel zusammen. Die Geschäftsführer und deren Gäste widmeten sich Gott sei dank längst wieder ihrem enorm wichtigen Smalltalk, so dass ich mich mit ein paar Bitt-Worten um Verständnis für den Abbruch der Aktion davonschleichen konnte.

Das Model stand mittlerweile wieder. Die Sanitäter „bedankten“ sich für die vielen bunten Muster, die die junge Dame mit der Bodypaintfarbe hinterlassen hatte, zugeben verständlicherweise mit leicht säuerlichem Gesichtsausdruck aufgrund des Wissens um die erforderliche Grundreinigung ihres Fahrzeuges. Da entschädigte auch nicht der Anblick der ja immerhin noch barbusigen Farbschönen, die sich kurzzeitig auf deren Pritsche rekelte – ähm -  unfreiwillig aufhielt.

Sie zog sich ein paar Klamotten über und platzierte sich auf dem zur Liegefläche umfunktionierten Beifahrersitz meines Autos. Ich wollte nur noch weg. Mit der Hoffnung, sie möge bitte nicht erneut in Ohnmacht fallen, bretterte ich recht zügig gen Heimat, um sie endlich bei ihren Eltern abzuliefern.

Früh morgens fuhr ich zu dem Laden, um mir den tatsächlichen Schaden anzusehen und Liegengebliebenes abzuholen. Bis auf die sich wundernde Putzfrau war niemand zu sehn. Es war nicht allzu schlimm. Ich schnappte meine Sachen, fuhr nach Haus, bekam zwar kein Geld, hörte aber auch sonst nie wieder etwas von der Galerie. Kein Wunder, irgendwann war der Laden wieder dicht. Es möge aber bitte niemand behaupten, es hätte etwa an einem schlechten Opening gelegen!…

 

Mit dem Model habe ich nie wieder zusammengearbeitet.