DEWALDO

01. Das kommt davon

Eigentlich bin ich gar nicht schuld. Nach mehr oder weniger erfolgreichen, auf jeden Fall kurzen Angestelltenjobs (auch dafür kann ich nichts, wirklich!) nach meiner Zeit an der Werkkunstschule Flensburg schwelgte ich in Arbeits- und Orientierungslosigkeit und malte mein erstes abstraktes Bild. Auf dem Balkon, mit Baumarktfarben auf einem Bettlaken. Und weil ich mal irgendwo gehört hatte, dass Bilder, und seien sie auch noch so sinnbefreit, einen Namen haben, nannte ich das Werk „Salza“. Das dieser, zudem auch noch falsch geschriebene Titel Jahre später noch zu etwas nutze sein sollte, ahnte ich natürlich noch nicht. Jedenfalls paßte er, wenn man das Bild nur lang genug betrachtete und seine Phantasie aktivierte, ganz gut. Wenn nicht sogar genau richtig – irgendwann ging es gar nicht mehr anders – irgendwie logisch.

Das bunte Etwas fand seinen Platz an der Wohnzimmerwand in der damaligen Mietwohnung bei Kalle Pinkelmeier (Der Name, sinnvertretend geändert, war quasi Programm, spricht Bände und erfüllte alle Klischees, die man hinter ihm vermutete. Doch das nur am Rande…).

Nun hing es da so rum, ein paar Monate. Dann, im November, hatte ich zwar immer noch keinen Job, dafür aber Geburtstag. Also Party. Zu vorgerückter Stunde und nach einigen Bierchen viel das Gespräch auf „Salza“. Dahingelallte Sätze wie „…Mach doch mal ‘ne Ausstellung!“ oder „…Verkauf’ das doch!“ waren Ideen, die ich als völlig absurd und belächelnd abtat. Irgendwann war die Party dann zu Ende.

Am nächsten Tag, wieder nüchtern, erinnerte ich mich an jenes „blöde Gequatsche“. Und da ich sowieso nichts besseres zu tun hatte, …warum eigentlich nicht?! Ich schuf in der Folgezeit noch einige kreative Ergüsse (von denen ich übrigens noch heute ein/zwei Exponate habe) und organisierte eine erste Ausstellung in der Stadtbücherei. So ganz richtig, semiprofessionell, mit Galerieschienen, Einladungen, improvisiertem Sektempfang.

Nun ja, bis auf ein paar Freunde war niemand da. Die anfängliche Euphorie, stolz und angeberisch, mit der tausendprozentigen Gewissheit, der neue Star am Malerhimmel zu sein, wich postum der Erkenntnis, dass das alles so prall wohl nicht ist.

Doch dann geschah das nicht mehr geglaubte: jemand kaufte ein Bild! Und zu allem Überfluß nicht irgendeines, sondern – genau das eher aus Langeweile erwirkte Balkon-Baumarktfarben-Betttuch-Bild „Salsa“ für unfassbare 500,- DM. Und, als wenn es einem Pingpongeffekt glich, wechselte kurz darauf noch ein Bild seinen Eigentümer. Wow! Genial! Das ist ja einfach! „Gut, das mach‘ ich jetzt“ war der Geistesblitz, der mich veranlasste, mich beim Arbeitsamt abzumelden, nach Krediten Ausschau zu halten (und nach vielen irritierten Blicken und ablehnenden Kopfschüttlern diverser Bankberater ob einer solch‘ scheinbar unrentablen Geschäftsidee (sie sollten lange Recht behalten)), unzählige, im Nachhinein völlig überflüssige Formulare auszufüllen, Ämter aufzusuchen, Material einzukaufen… um fortan selbstständiger freischaffender Künstler zu sein. Was immer das auch ist und wie immer man das auch macht.

Das war am 01. April 1993 und alles andere als ein Scherz. Wenngleich sich sehr bald herausstellte, dass es ganz und gar nicht einfach war und bis heute nicht ist, von vermeintlich künstlerischem Kram seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sicher eine Mischung aus Qualität, Marketing, passenden Momenten, wichtigen Begegnungen, Zufällen und, wie ich später erleben sollte, der Steuerung des Unterbewußtseins, Lenkung des Willens, dem ständigen Kampf zwischen Selbstachtung und Zweifel, Glaube, Hoffnung und Zuversicht.